Nun bin ich ja eine Person, welche von Political Correctness relativ wenig hält und Knigge ist im Allgemeinen auch nicht so wirklich mein Ding. Und doch gibt es ein paar Elemente, die ich nicht so Übel finde. So ist das auch mit dem Duz/Siez-Thema. Ich halte absolut garnichts davon, dass einer Personengruppe eine andere Duzt während sie selbst das Privileg beansprucht, gesiezt zu werden. Trotzdem finde ich die gebräuchliche Regel zum Überwinden des Siezens ganz ok: Ältere Personen, weibliche Personen und vorgesetzte Personen schlagen das Duzen vor, das Gegenüber akzeptiert oder akzeptiert nicht – es bleibt aber beim “beide oder keiner”.

Dass der Chef eventuell meinen könnte, er habe so viele Jahre auf dem Buckel, dass er das Recht zugesprochen bekommen müsste, gesiezt zu werden, das klappt bei mir nicht. Wenn er das haben will, dann kann er es haben – aus anderen Gründen von meiner Seite aus, aber er kann es haben. Nur zurücksiezen muss er halt.

Nur um das klarzustellen: Mein Chef gehört nicht zu dem oben genannten Personen und bei meinem derzeitigen Arbeitgeber ist generell alles recht kollegial gehalten, so dass das Duzen üblich ist. Dennoch vermeide ich es, einfach so eine Person, die sich mir noch nicht vorgestellt bzw. die mir noch nicht das Angebot des Duzens gemacht hat (ich bin in 99% der Fälle die jüngere Person, bin nicht vorgesetzt und männnlich bin ich auch) mit einem “du” anzureden.

Worauf ich jetzt hinaus will: Bei einem sich täglich erweitenden Kreis an Personen, mit denen man zu tun hat ist es eine doch recht aufwändige Aufgabe, die ich mir gesetzt hab, auseinander zu halten, wer geduzt wird und wer (noch) nicht. Generell schreibe ich mir Namen von Leuten, mit denen ich beruflich zu tun habe auf. Ich fände es im Allgemeinen recht peinlich, sollte man nach einigen Wochen wieder mit einer Person konfrontiert werden, welche sich schon vorgestellt hat, und man wüsste den Namen nicht mehr. Aber jetzt kommt ja hinzu, dass ich neben dem Namen, eventuellen Merkmalen, die man nicht vergessen sollte weil sie in späteren Diskussionen wieder auftauchen könnten (”hat dasunddas studiert in …”) oder möglicherweise der Telefonnummer noch ein weiteres Feld reserviert habe. Ein kleines Feld, als dessen Inhalt nur ein kleines Häkchen vorgesehen ist: Ein “Duz-Flag”.

Der Sinn dieses Feldes sollte mittlerweile klar sein. Viel interessanter erscheint mir eher, wie jenes freie Fleckchen auf dem Papier von seiner Fleckfreiheit befreit wird – und ein Zurück gibt es ja sowieso nicht. Klar ist auf alle Fälle einmal, dass sich Leute, welche sich sofort mit dem Vornamen vorstellen als duzbar zeigen. Zugegeben hört man hin und wieder von Personen, die sich mit Vornamen anreden und trotzdem Siezen, aber abgesehen von einigen Filmen – primär aus der britischen Richtung, oder generell aus einer anderen Zeit – kann ich mich mit dem nicht anfreunden. Man könnte jetzt sagen, dass das Personengruppe 1 ist – “wollen geduzt werden”. Personengruppe zwei ist hingegen viel spannender: Die Leute aus dieser Gruppe haben nicht wirklich gezeigt, dass sie geduzt werden wollen – oder allenfalls auf eine subtile Art und Weise. Wie oben erwähnt spreche ich Ihnen jedoch einfach das Recht ab, gesiezt zu werden, weil sie meine Wenigkeit selbst geduzt haben.  Der genaue Vorgang spielt dabei keine Rolle: Sei es eine eMail beginnend mit einem “Hallo” gefolgt vom eigenen Vornamen oder ein “Grüß dich” erwiedert auf ein neutrales “Hallo” (das neutrale “Grüß Gott” ist mir als Atheist nicht neutral genug und ein “Guten Tag” hört sich hört sich generess snobistisch an, auch wenn es im Dialekt ausgesprochen wird) und schon ist es passiert… Häkchen gemacht.

So wandere ich denn umher mit meinem kleinen Büchlein. Wie eine Checkliste. Und ich komme mir hin und wieder vor wie ein Kind beim Sammeln von Aufklebern für das Stickerheft: “Dich/Sie krieg ich auch noch!”